Kanada 2023: Zwei Ringe, 16 Tage und ein Plan, der den weiten Weg brauchte

Manche Reisen sind einfach nur Urlaub. Andere sind echte „Bucket List“-Projekte. Für mich war diese 16-tägige Route von Calgary nach Vancouver über Vancouver Island genau das. Ich hatte alles im Griff, zumindest dachte ich das: Die Logistik, die Unterkünfte und vor allem das Wichtigste – die Frage aller Fragen.

Die doppelte Absicherung: Gold von der Grossmutter

Ich bin kein Typ, der Dinge dem Zufall überlässt. Im Gepäck (verteilt auf verschiedene Koffer, man weiss ja nie) befanden sich zwei Ringe, DIE Ringe… Einer für den Moment selbst und einer, der eine ganz andere Geschichte erzählte: Der Ring meiner Grossmutter. Sie hatte ihn einst für die „junge Braut“ ihres Enkels bestimmt, und ich wusste, dass er passen würde. Mein doppelter Boden, falls die erste Variante am Finger nicht so wollte wie wir.

Sogar für die Sicherheitskontrolle hatte ich vorgesorgt. Kleine Zettel in den Etuis baten die Beamten: „Special occasion ring – please be discreet!“ Ich war bereit. Die Welt war es jedoch nicht.

Der Fehlstart und der erste Lichtblick

Unsere Reise begann mit einem logistischen Totalschaden durch Air Canada. Verpasster Anschluss in Frankfurt, die Gewissheit, dass wir erst Stunden später in Calgary landen würden – und der Koffer meiner künftigen Frau? Verschollen in Europa.

Inmitten des Chaos in Frankfurt gab es jedoch einen ersten Moment der Erleichterung: Wir konnten die Mietwagenfirma in Calgary erreichen. Als wir schliesslich mitten in der Nacht völlig erschöpft landeten, stand tatsächlich jemand bereit, um uns das Fahrzeug auszuhändigen. In diesem Moment war das Auto mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, es war der erste Sieg gegen die Umstände.

Canmore & Banff: Improvisation ist alles

Mitten in der Nacht kamen wir im The Lady MacDonald Country Inn an. Statt des geplanten Antrags zum 36. Geburtstag am Lake Louise gab es Regen in Canmore und eine improvisierte Zahnbürste als erstes Geschenk für den verlorenen Koffer. Zum Glück gab es die Rocky Mountain Bagel Company – vielleicht das Tor zum Himmel für Bagel-Liebhaber. Mit Cream Cheese Bagels und Apple Frittern retteten wir die Stimmung, bevor wir in Banff eine Shopping-Tour für das Nötigste starteten. Beim Geburtstagsdinner im Sauvage waren wir allerdings so erschhöpft von Jetlag und Reise, dass wir fast im Hauptgang einschliefen. Der Lake Louise wurde besichtigt, aber der Ring blieb in der Tasche. Es fühlte sich einfach noch nicht nach dem „richtigen“ Moment an, obschon der See einfach magisch ist, aber seht selbst.

Lake Louise, ein See der keinen Filter benötigt, nichtmal bei bescheidenem Wetter.

Das Highlight: Icefields Parkway und der Maligne-Traum

Nach dem holprigen Start folgte das absolute Highlight meiner Bucket List: Die Fahrt von Banff nach Jasper über den Icefields Parkway. Es ist schwer, diese Dimensionen in Worte zu fassen – es ist Kanada in seiner reinsten Form.

Im Alpine Village Jasper fanden wir unseren Rhythmus. Blockhütten, Kaminfeuer und der Duft von Freiheit. Um die Umgebung zu erkunden, nutzten wir die Morgenstunden für einen schönen Lauf (schön zumindest für mich…). Bis an die Zähne mit Bärenspray bewaffnet, liefen wir los. Dass ein Eichhörnchen dass Wildeste aller Tiere auf unserem Weg wird, hatten wir so nicht vermutet, war uns wohl aber lieber als ein Grizzly.

Dass aus einer lockeren Runde am Athabasca River dann doch 23 km wurden, lag schlicht an der Schönheit der Strecke. Auch wenn ich hinter mir das eine oder andere Fluchen über die Distanz hörte, spätestens am Lake Edith war die Welt wieder friedlich.

Das Studium des Reiseführers am Vorabend zahlte sich aus, denn es folgte unser absoluter Traumtag: der Ausflug zum Maligne Canyon und weiter zum Maligne Lake. Wer in der Region Jasper ist, für den ist dieser Ort ein absolutes Must-See. Wir spazierten durch die engen Felswände des Canyons, hielten am mysteriösen Medicine Lake und erreichten schließlich die Weite des Maligne Lake.

Dort fanden wir sie dann auch: die klassischen roten Holzstühle mit den hohen Rückenlehnen, die so untrennbar mit der kanadischen Wildnis verbunden sind. Ein kleiner Abstecher zum Moose Lake und eine Kanutour am Pyramid Lake rundeten unsere Zeit in Jasper ab. Wir stellten fest: Kanada ist wie eine Schweiz auf Steroiden. Ich war spätestens jetzt in das Land verliebt.

Die typisch kanadischen Adirondeck chairs

Zwischenfazit Wildlife: Bis auf einen Elch und wilde Eichhörnchen gab es weit und breit nicht viel zu sehen…

Clearwater: Naturgewalten und kulinarisches Trostpflaster

Von Jasper aus ging es weiter nach Clearwater. Die Wahl auf diesen Ort fiel aus eher pragmatischen Gründen: Der Abschnitt bis Whistler, unserem eigentlichen nächsten Ziel, verlangt aufgrund der enormen Distanz nach einem Zwischenstopp, und hier muss man sich in der Regel zwischen Clearwater und Kamloops entscheiden.

Wir verbrachten zwei Nächte im Alpine Meadows Lakeside Resort, was im direkten Vergleich zum lebendigen Jasper allerdings eher ernüchternd, fast schon „düster“ wirkte. Auch wenn der Wells Gray Provincial Park mit den gewaltigen Helmcken Falls und den Overlander Falls jeden Naturliebhaber beeindruckt, blieb der Mount Robson leider schüchtern hinter dichten Wolken verborgen.

Overlander Falls

Das absolute Highlight dieser Etappe war jedoch kulinarischer Natur: Das Hop 'n' Hog. Freunde hatten uns den Tipp gegeben, und sie hatten nicht übertrieben. Kanadisches Comfort Food in einer Exzellenz, wie wir sie bisher nicht erlebt hatten, allen voran die Loaded Pulled Pork Nachos und BBQ vom Feinsten. Dieses Essen war das verdiente Highlight in einer ansonsten eher ruhigen Etappe.

Whistler: Urbaner Sport-Vibe und olympische Faszination

Whistler selbst ist eine Klasse für sich. In der Nita Lake Lodge sprühte es nur so vor Energie. Während ich einmal um den Nita Lake lief, schwamm sie darin, auf dem Sonnenstrahl, genau wie sie es liebt. Der Ort gehört im Sommer den Mountainbikern und versprüht diesen urbanen, jungen Sport-Vibe. Die Faszination Olympia ist im gesamten Stadtbild noch immer greifbar. Ein Muss nach einem aktiven Tag: das fantastische Eis bei COWS Whistler. Die Peak to Peak Gondola rundete dieses Erlebnis ab, ein Wahnsinns-Ausblick auf das olympische Terrain.

Die Fähre und der Weg ins Glück

Doch bevor wir die Insel erreichten, kam die nächste Geduldsprobe: Acht Stunden Warten auf die Fähre bei 30 Grad Hitze. Hier ein gut gemeinter Rat: Ein Vorausbuchen der Fähre ist in der Hochsaison absolut unabdingbar, um massiven Reisefrust zu vermeiden.

Die Weiterfahrt bis zu unserem Airbnb in Ucluelet war hart – schlechte Straßen, kaum Beleuchtung und ich schlief auf dem Beifahrersitz ein. Doch das Licht, das bei unserer Ankunft weit nach Mitternacht noch in der Doug Fir Suite brannte, war ein schönes Gefühl des Ankommens.

Ucluelet: Pizzen, Pioniere und der Antrag auf den Felsen

In Ucluelet fanden wir endlich Entschleunigung. Der beste Stop für Lokalleben und Koffein ist definitiv The Foggy Bean Coffee – hier wird auch mal mitten am Tag vor dem Shop zu Live-Musik getanzt. Und wenn man freiwillig eine Stunde auf eine Pizza wartet, dann muss es die von Abbondanza sein. Wir genossen sie auf einer Bank im Freien mit Blick auf den Amphitrite Point Leuchtturm.

Der 8 km lange Long Beach, der Ucluelet und Tofino im Pacific Rim National Park verbindet, ist der Inbegriff von Gelassenheit. Hier treffen Surf-Vibes auf Bäume, die so hoch sind, dass sie den Himmel zu berühren scheinen. In dieser Atmosphäre von „alles kann, nichts muss“ passierte am 21. Juli am Wild Pacific Trail endlich der Antrag, nachdem ich den Ring jeden einzelnen Tag mit mir führte um auf den richtigen Moment zu warten (Und bereit war Ihn vor jedem Bären, oder Eichhörnchen, zu verteidigen).

Ich hatte mir extra eine 360-Grad-Kamera für diesen Moment gekauft. Ich tat so, als wollte ich nur die Brandung perfekt einfangen, aber eigentlich wollte ich den Moment des Antrags für die Ewigkeit festhalten. Während ich sie umständlich auf den schwarzen Felsen errichtete, vergass ich vor lauter Aufregung am Ende doch, auf den Auslöser zu drücken. So gehörte der Moment am Ende nur uns ganz allein, ohne digitalen Beweis.

Witziges Detail am Rande: Meine nun Verlobte gestand mir später, dass sie nach all den Strapazen und Pannen zu Beginn der Reise kurzzeitig dachte, ich wolle auf den Felsen gerade mit ihr schlussmachen, anstatt ihr einen Antrag zu stellen. Zum Glück lag sie falsch.

Victoria: Britische Eleganz an der Westküste

Der Abschied von Ucluelet fiel uns einigermassen schwer, aber der Weg nach Victoria hielt eine ganz besondere Verabredung bereit. Es ist schon beeindruckend: Wir hielten über Jahre hinweg Kontakt zu Bekannten, die Katrin einst auf einer Soloreise durch Jordanien kennengelernt hatte. Trotz der riesigen Distanz passte es einfach perfekt, dass wir uns nun gezielt zum Frühstück in Qualicum trafen. Es sind genau diese beständigen Reisebegegnungen, die solche Trips so wertvoll machen.

Sie versorgten uns mit den perfekten Tipps: Ein echtes kanadisches Frühstück im John's Place, seit über 40 Jahren eine absolute Institution in der Stadt und die wirklich beste Lobster Roll an einem im Hafen gelegenen Imbisswagen. Victoria selbst ist charmant, geschichtsträchtig und versprüht eine fast schon europäische Eleganz. Das Fairmont Empress ist hier eine echte Institution und bildete das vollkommene Kontrastprogramm zur Wildnis der letzten Tage. Auch wenn wir nur eine Nacht in der Hauptstadt von British Columbia hatten, reichte es für einen bleibenden Eindruck und – natürlich – weiteres hervorragendes Eis.

Vancouver: Das grosse Finale

Vancouver war für mich das lang ersehnte Highlight. Wir hatten hier vier Nächte Zeit, die Stadt in vollen Zügen zu genießen. Unser Hotel, The Loden, war genau das, was wir lieben: Luxus-Boutique mit einem Concierge, auf den wir uns jedes Mal freuten, wenn wir die Lobby betraten.

Die Stadt hat uns restlos begeistert:

•    Lifestyle & Shopping: Shopping auf der Robson Street und das obligatorische Pfefferminzeis am Stiel mit selbstgewählten Toppings von der Rocky Mountain Chocolate Factory. In Gastown konnte ich auch TJ im "The Shop Vancouver" besuchen. Für mich war dieser Besuch absolut obligatorisch, da der Shop exakt die Labels und den Modestil führt, der genau meinen Geschmack trifft.

    •    Mekka für Food-Liebhaber: Ein absolutes Highlight war Granville Island. Mit einem der kleinen Taxiboote (Aquabus) setzt man über den False Creek über und landet in einer eigenen Welt. Der Granville Island Public Market ist ein Mekka aus frischen Marktständen, Kunst-Boutiquen und kulinarischen Entdeckungen. Man sollte sich einfach treiben lassen – der Vibe dort ist einzigartig.

    •    Stanley Park & Skyline: Aus der Stadt raus am Wasser entlang lief meine Freundin freiwillig mit in den Stanley Park. Was für eine Laufroute mit der Skyline von Vancouver im Augenwinkel! Einmal begleitete sie mich sogar auf einem Leihfahrrad des Hotels und machte Bilder von mir "in motion".

   •    Action: Hier lösten wir Katrins Geburtstagsgeschenk ein, einen Rundflug über Vancouver. Das erste Mal in einem Wasserflugzeug abzuheben, war ein unbeschreibliches Erlebnis.

    •    Kulinarik: Für Austern am Pier kehrten wir in den Lift Bar Grill View ein. Ein weiteres Highlight war das hervorragende und authentische libanesische Dinner im Restaurant Yasma im Hafen nahe des Stanley Parks. Abends bot das The Nightingale Dinner mit beinahe Nachtclub-Feeling, während das Miku Sushi schlichtweg unglaublich war.

Soul Food: Ein Kapitel für sich

Wenn man über Kanada schreibt, darf eine Sache nicht fehlen: Das unglaublich gute Soul- und Comfort Food. Man kann und möchte sich ihm einfach nicht entziehen. Egal ob es die riesigen Pancake Stacks zum Frühstück sind, fluffige Waffeln, knusprige Hash Browns oder natürlich Poutine in allen erdenklichen Varianten – dieses Essen gehört hier einfach täglich auf den Speiseplan. Es ist für die Seele das, was der Sound einer Harley für die Ohren ist: purer Genuss, der das Kanada-Gefühl erst so richtig komplett macht.

Mein Fazit für die perfekte Route: Die 16 Tage waren ein Rausch. Wenn ich es noch einmal planen müsste, würde ich die Dramaturgie umdrehen: Erst der Trubel der Grossstadt Vancouver, um dann tief in die Stille der Rocky Mountains einzutauchen und vermutlich würde ich dort für immer bleiben.

Der Plan mag in Frankfurt gescheitert sein, aber das Ergebnis hätte schöner nicht sein können. Die Ringe sind am Ziel angekommen – und wir auch.

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